http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-03/stasi-akten-jugendliche

„VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG
Nachwende-Kinder suchen Verwandte in Stasi-Akten
Die Hinterlassenschaft des DDR-Spitzeldienstes weckt das Interesse junger Menschen: Immer mehr beantragen Akteneinsicht, um Familienschicksale aufzuklären.

In der Stasiunterlagen-Behörde mehren sich die Anträge jüngerer Menschen auf Akteneinsicht. Ihr Interesse gilt dem Leben verstorbener Eltern und Verwandter, die möglicherweise in Aktivitäten des DDR-Geheimdienstes verstrickt oder von ihnen betroffen waren. „Die zunehmende Zahl von Anträgen auf Akteneinsicht von Verstorbenen zeigt, dass die nächste Generation wissen will, wie ihre Eltern und Großeltern gelebt haben“, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, der Mitteldeutschen Zeitung.

In den ersten zwei Monaten 2011 gingen dem Bericht zufolge 640 solcher Anträge bei der Behörde ein. Sie hätten häufig abgewiesen werden müssen, weil die gesetzliche Grundlage für eine Akteneinsicht gefehlt habe, sagte Jahn. Im Januar und Februar 2012 habe sich die Zahl dann auf 1.135 nahezu verdoppelt.

Die Erfolgsaussichten der Anträge sind nun größer, da die Akteneinsicht mit der zu Jahresbeginn in Kraft getretenen Novelle des Stasi-Unterlagen-Gesetzes erleichtert wurde. Nach dem alten Gesetz konnten nahe Angehörige lediglich in Ausnahmefällen oder bei rechtlichen Auseinandersetzungen Auskunft verlangen. Jetzt kann ihnen Einsicht auch dann gewährt werden, wenn es ganz darum geht, den Einfluss der Staatssicherheit auf ein Familienschicksal zu klären.

Überprüfungen leichter geworden

Überhaupt ist das Interesse an Stasi-Akten so stark wie lange nicht mehr. In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres gingen knapp 24.000 Anträge auf persönliche Akteneinsicht ein. Hochgerechnet auf das Jahr wären dies 144.000, so viele wie zuletzt 1998 und 1999.

2011 hatten etwa 80.000 Menschen Akteneinsicht beantragt. „Das Bedürfnis der Menschen, in die Akten zu schauen, ist ungebrochen“, sagte Jahn.

Im Zuge des neuen Stasi-Unterlagengesetzes ist auch die Zahl der Stasi-Überprüfungen im öffentlichen Dienst leicht gestiegen. Es seien im Januar 41 und im Februar 27 gewesen, hieß es in dem Bericht. Im Dezember, also vor der Gesetzesänderung, habe die Zahl noch bei 15 gelegen. Mit der Gesetzesnovelle hatte der Bundestag den Kreis jener, die überprüft werden dürfen, noch einmal ausgeweitet. Jetzt können alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes ab der Gehaltsstufe A 9 ohne Anlass überprüft werden, was vorher nur für Behördenleiter galt.“

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